OFFENER BRIEF
An die Verantwortlichen im Regierungspräsidium Karlsruhe (Genehmigungsbehörde)
An die Betreiber und Anteilseigner des Großkraftwerkes (GKM) Mannheim
An den Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, Dr. Peter Kurz
An den Umweltbürgermeister der Stadt Mannheim, Lothar Quast
An die Gemeinderäte der Stadt Mannheim
Wir, die Unterzeichnerinnen und
Unterzeichner appellieren an Sie alle, die Entscheidung, einen neuen mit Kohle
befeuerten Kraftwerksblock in Mannheim zu errichten, zu überdenken.
Als verantwortliche
Genehmigungsbehörde fordern wir Sie sehr geehrte Damen und Herren des Regierungspräsidiums
Karlsruhe auf, nicht nur auf die gesetzlichen Auflagen gemäß der
entsprechenden Bundesimmissionsschutzgesetzgebung zu achten.
Bei der Entscheidung über
ein derartiges Großprojekt müssen auch die Vorbelastung der Luft in der Region als
auch die besonderen Klimafaktoren (häufige Inversionswetterlagen und
Windstille) berücksichtigt werden. Es ist unzureichend, wenn nur die Schadstoffmenge
pro Kubikmeter Abluft bei der Entscheidung beachtet wird. Bei dieser
Betrachtungs- und Beurteilungsweise könnten theoretisch zehn weitere
Kohlekraftwerke in Mannheim gebaut werden, sofern die Grenzwerte pro Kubikmeter
Abluft für die einzelnen Schadstoffe eingehalten würden. Auf die
Klimaschädlichkeit durch die zusätzlichen Kohlendioxid-Emissionen wollen wir
hier gar nicht eingehen.
An Sie, die Verantwortlichen
Betreiber des GKM, appellieren wir, nicht nur die wirtschaftlichen
Interessen Ihrer Aktionäre und die Jahresbilanzen Ihrer Unternehmen zum Maßstab
Ihrer Entscheidung zu machen. Sie haben auch eine gesamtgesellschaftliche
Verantwortung. Hinter Ihren Gesellschaften RWE, EnBW und MVV stehen tausende
von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie selbst, Ihre Familien und die
Familien Ihrer Mitarbeiter müssen dieselbe Luft einatmen wie wir. Ihre Kinder
und Enkelkinder müssen die Folgen einer solchen Entscheidung gegen Klimaschutz
und gegen gesunde Umweltverhältnisse über Jahrzehnte erdulden. Investieren Sie
daher in neue, dezentral eingesetzte Technologien zur Energiegewinnung mit
erneuerbaren Energiequellen! Dadurch würden Sie mithelfen, das Klima zu
schützen, unsere Atemluft zu verbessern und viele neue Arbeitsplätze zu
schaffen.
Wir begrüßen, dass Sie Herr Oberbürgermeister
Dr. Kurz, für den 11. Juni eine Bürgerversammlung einberufen haben. Dies
zeigt, dass Sie und Ihre Verwaltung an den Meinungen der Bürgerschaft
interessiert sind. Natürlich hat eine solche Versammlung nur einen Sinn, wenn
die dabei neu gewonnenen Erkenntnisse und Fakten auch zu neuen Entscheidungen
führen. Dies könnte auch bedeuten, dass Sie Ihre bisherige Meinung revidieren –
ohne dabei an Gesicht zu verlieren.
Herr Dr. Kurz, als Ärztinnen
und Ärzte wissen wir, dass für die im Umkreis des Kraftwerkes lebenden Menschen
durch die erhöhte Schadstoffbelastung unkalkulierbare gesundheitliche Risiken
entstehen.
Sicherlich wurden in den
Gremien der MVV, deren Aufsichtsratsvorsitzender Sie sind, nicht über die
gesundheitlichen Auswirkungen von Feinstäuben, Quecksilber, Stickoxiden usw. diskutiert.
Als Ärztinnen und Ärzte müssen wir Ihnen sagen, dass es auch nicht ausreicht,
nur über die Anzahl der Tonnen von Schadstoffen zu sprechen. Für die Gesundheit
entscheidend sind die Qualität ‑ insbesondere die toxischen Eigenschaften
– und die Größe der einzelnen Partikel.
Bei Feinststäuben mit einem
Durchmesser unter 2,5 Mikrometer gelangen ultrafeine Partikel (Durchmesser
kleiner als 0,1 Mikrometer) in die Lungenbläschen und können von dort in den
Blutkreislauf aufgenommen werden. Es ist heute wissenschaftlich gesichert, dass
hohe Konzentrationen von Feinststäuben mit dem vermehrten Auftreten von
chronischer Bronchitis, Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufs sowie
Lungenkrebs beim Menschen im Zusammenhang stehen.
Die Sterblichkeitsrate bei
Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen steht in engem Zusammenhang mit der
Feinstaubbelastung. Durch erhöhte Mengen an Feinstaub in der Atemluft steigt
das Risiko der Erkrankung und somit auch die Sterblichkeitsrate.
Zusätzlich zum Feinstaub
stellen die anderen Schadstoffe ebenfalls ein Risiko dar. Reizgase wie
Schwefeldioxid und Stickoxide schädigen die Atemwege Insbesondere Kinder
reagieren besonders empfindlich auf diese Schadstoffe. Schon heute leiden etwa
10 Prozent der Kinder unter Asthma oder chronischen Atemwegserkrankungen.
Als Mediziner - als deren
oberste Priorität die Krankheitsverhütung gilt - müssen wir Ihnen sagen, dass
Kohleverbrennung selbst mit bester Filtertechnik signifikant Krankheiten fördert.
Völlig verspätet wird am 29.
Mai im Amtsblatt der Stadt Mannheim, welches in einer Werbezeitung versteckt
ist, mitgeteilt, dass Sie Herr Dr. Kurz ein
umweltmedizinisch-humantoxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben haben. Es
ist unverständlich, dass Sie erst jetzt ein Gutachten bestellen, da Sie sich
schon beim diesjährigen Neujahrsempfang inhaltlich für den Bau des Blocks 9
festgelegt haben.
Wir fragen Sie daher: 1. Wann
haben Sie das Gutachten in Auftrag gegeben? 2. Welchen Experten haben Sie damit
beauftragt? 3. Welche Fragen soll dieser Experte beantworten? 4. Liegt Ihnen
schon der Antrag des GKM vor, der erst in den nächsten Wochen beim
Regierungspräsidium eingereicht werden soll?
Denn nur mit dem
Zahlenmaterial des GKM kann ein Experte die humantoxikologischen Wirkungen von
Block 9 eingehend prüfen und würdigen.
Insgesamt müssen wir sagen,
Ihr Vorgehen wäre glaubwürdiger, wenn Sie das Gutachten als allerersten Schritt
im gesamten Verfahren vergeben hätten, um danach Ihre Entscheidung pro oder
contra Block 9 zu treffen.
Als Umweltbürgermeister der
Stadt Mannheim fordern wir Sie, Herr Bürgermeister Quast, auf, das
gesamte Fachwissen Ihres Dezernates in den Entscheidungsprozess einzubringen.
Gegen Widerstände haben Sie und Ihre Mitarbeiter die Einführung der Umweltzone
durchgesetzt. Wer sich, wie in diesem Fall, für die Gesundheit der
Innenstadtbewohner eingesetzt hat, sollte diese gute Ergebnis nicht durch den
Bau eines neuen Kohlekraftwerkes in Frage stellen lassen.
In einem Faltblatt haben Sie
auf die gesundheitlichen Gefahren durch Feinstäube hingewiesen. Wir fordern Sie
auf, diese Aspekte nun auch bei der Diskussion um den geplanten Block 9 im GKM
einzubringen.
Zwar können Sie sehr geehrte Gemeinderätinnen
und Gemeinderäte der Stadt Mannheim nicht über den Bau des Kohlekraftwerkes
entscheiden. Einige von Ihnen sitzen allerdings in den Aufsichtsräten der MVV
und bestimmen damit über ungefähr 14 Prozent des GKM. Aber unabhängig davon
haben Sie alle bei Ihrer Vereidigung gelobt, für das Wohl – und damit auch für
die Gesundheit – der Bürgerinnen und Bürger zu arbeiten.
Helfen Sie durch Ihren
Einfluss mit, dass Mannheim und die gesamte Region zum Wegbereiter neuer
umweltschonender Technologien zur Energiegewinnung werden. Sie helfen dadurch
auch, unsere Atemluft zu verbessern und neue Arbeitsplätze in mittelständischen
Unternehmen zu gewinnen.
Wir fordern Sie alle auf, nicht nur kurzfristige
Zielvorgaben als Maßstab Ihrer Entscheidung zu berücksichtigen. Der Begriff
„Nachhaltigkeit“ darf nicht nur bei Sonntagsreden gebraucht oder in
Firmenbroschüren Verwendung finden. Nachhaltigkeit in Bezug auf die Gesundheit
von Natur und Menschen muss Maßstab Ihres Handelns werden.
Ein zusätzliches Kohlekraftwerk würde zu einer weiteren Verschlechterung von Klima und Gesundheit in unserer
Region führen!
Prof. Dr. Hans Becker, Heidelberg; Dr. Peta Becker-von Rose, Heidelberg; Dr. Rainer Bless, Mannheim; Dr. Cerny-Willersinn,
Hirschberg; Dr. Michael Cremer, Mannheim; Gabriele Dausel-Röhrich, Mannheim; Dr. Raymond Fojkar, Mannheim; Dr. Karl Freiberg,
Mannheim; Regine Grothaus-Neiss, Heidelberg; Dr. Michael Hinrichs, Mannheim; Dr. Dieter Jakob, Heidelberg; Dr. Jürgen Jakob,
Mannheim; Dr. Ursule Jander, Mannheim; Dr. Christine Kahle, Heidelberg; Dr. Reinhold Keuler, Schwetzingen; Dr. Luise Knierim,
Heddesheim; Dr. Friederike Koch-Stierle, Heidelberg; Martina Kochner, Mannheim; Dr. Heinz Köhler, Mannheim; Dr. Birgit Kull,
Mannheim; Dr. Detlef Lorenzen, Heidelberg; Dr. Thomas Lotz, Mannheim; Meryl Ann Maniegault, Heidelberg; Dr. Susanne Merkel;
Dr. Rainer Metz, Ludwigshafen; Dr. Richard Michel, Ladenburg; Dr. Cornelia Minn-Köhler, Mannheim; Dr. Thomas Müller,
Heddesheim; Dr. Just Neiss, Heidelberg; Dr. Gerlinde Nunninger, Hirschberg; Dr. Falko Panzer, Mannheim; Dr. Andreas Pingel,
Heidelberg; Dr. Plauth, Mannheim; Dr. Ulrich Peckolt, Heddesheim; Dr. Ulrike Polta, Leimen; Dr. Ulrike Radde, Mannheim;
Dr. Martin Röhrich, Mannheim; Dr. Klaus Rüdenauer, Mannheim; Dr. Ulrich Schaefer, Heddesheim; Dr. Andreas Scheffzek,
Heidelberg; Dr. Siegfried Schneider, Mannheim; Dr. Axel Schulze; Dr. Evi Schulze; Gabriele Seibert-Keuler, Schwetzingen;
Dr. Ute Sonneborn, Heidelberg; Marianne Speck, Ludwigshafen; Dr. Gertrudis Stork, Mannheim; Dr. Judith Wiener-Obert, Weinheim
Unterschriften Stand 22.06.08
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